Alfred Haushofer : "Moabiter Sonette"

Alfred Haushofer



Albrecht Haushofer Es ist etwa zwanzig Jahre her, da fiel mir ein kleines Taschenbuch in die Hände "Moabiter Sonette"
:

Albrecht Haushofer:"Moabiter Sonette", Langewiesche-Brandt Verlag, 1999, ISBN 3-784-60547-8, 127 Seiten, Preis: 12 Euro

Ich las: "80 Gedichte aus dem Gefängnis Moabit, geschrieben am Ende des Zweiten Weltkrieges von einem Gegner des Nationalsozialismus in der sicheren Erwartung seiner baldigen Hinrichtung. Offenbar in erster Linie nicht gedichtet, um die eigene Todesangst zu bannen, die Qualen der Haft zu lindern, Ablenkung zu finden. Diese Texte geben vor allem der Trauer Ausdruck - Trauer über die Nutzlosigkeit seiner früheren Kassandra-Rufe, über die Unmöglichkeit von Versöhnung und Frieden, über die Ohnmacht von Menschlichkeit und Vernunft. Mit wehmütiger Gelassenheit erinnert sich Albrecht Haushofer der vielfältigen Eindrücke seines und nimmt Abschied von den Menschen, die ihm nahestanden. - "Die Moabiter Sonette, hier zum erstenmal vollständig in der authentischen Reihenfolge gedruckt, sind das bedeutendste dichterische Zeugnis aus dem Kreis des Wiederstandes." "Da er Beziehungen zu den Aufständischen vom 20. Juli 1944 hatte, wurde er in den letzten Tagen des Krieges verhaftet und erschossen." Mein Interesse war geweckt.

Lawinen

Wem je die hohen Berge Heimat waren,
der weiß, wie man die Hänge meiden muss,
an denen, in zermalmend-jähem Schuss
Lawinen donnernd in die Tiefe fahren.

Da mag ein ganzer Berg in Stille lauern,
der kleinste Schneeball reißt die Hüllen auf,
und weiße Lasten tosen ihren Lauf.
Begraben Täler unter Todesmauern.

Vermessenheit, Lawinen loszulösen!
Verbrecher, wer sich des Zerstörens freut.
Und Narr zugleich, wer nicht den Wurf bereut!

Vermessenheit im Guten oder Bösen -
Ich büße den Versuch! - sie aufzuhalten.
Ein Stoß - ein Wirbel - tödliches Erkalten...


Ich lese über den Lebensgang Haushofers. Im Internet findet sich zu diesem Thema heute unter anderem folgende Kurzfassung:

1903
7. Januar: Albrecht Haushofer wird als Sohn des Generals und Geopolitikers Karl Haushofer und dessen Frau Martha (geb. Meyer-Doss) in München geboren.

1913
Eintritt in das Münchner Theresiengymnasium.

1924
Er promoviert in München, wo er Geschichte und Erdkunde studiert hat, mit dem Thema "Paß-Staaten in den Alpen". Sein Doktorvater ist der Polarforscher Erich von Drygalski (1865-1949).Er unternimmt eine mehrmonatige Reise durch Südamerika.

1925
Reise nach Skandinavien.

1927
Reise nach Nordamerika.

1928-1938
Haushofer arbeitet als Generalsekretär der "Gesellschaft für Erdkunde" in Berlin und ist Herausgeber der gleichnamigen Zeitschrift. Politisch steht er bis 1933 der Deutschen Volkspartei (DVP) nahe.

1930
Reise in die UdSSR.

1933
Trotz der jüdischen Herkunft seiner Mutter kann Haushofer durch die Vermittlung von Rudolf Heß im Anschluß an seine Habilitation eine Lehrtätigkeit an der Berliner Hochschule für Politik beginnen. Hier unterrichtet er Geographie und Politik. Der enge Kontakt zu Heß bewahrt die Familie Haushofer vor rassenpolitischer Verfolgung.

ab 1934
Haushofer ist zeitweilig Mitarbeiter in der Informationsabteilung im Auswärtigen Amt (AA) unter dem Staatssekretär Ernst Freiherr von Weizsäcker.

1934-1938
Neben seiner Arbeit an der Hochschule berät Haushofer die Dienststelle Ribbentrop als freier Mitarbeiter. In dieser Tätigkeit übernimmt er verschiedene geheime politische Missionen nach Großbritannien, Südosteuropa und Japan.<br>In seiner schriftstellerischen Arbeit, die weitgehend unbekannt blieb, bemüht sich Haushofer um eine kritische Deutung des politischen Zeitgeschehens. Hierzu wählt er vor allem die Form der historischen Dramen, von denen in den 30er Jahren einige auf Berliner Bühnen aufgeführt werden. Er veröffentlicht die antikisierende Dramentrilogie "Scipio" (1934), "Sulla" (1938) und "Augustus" (1938).

1938
September: Als Mitarbeiter Ribbentrops nimmt er an der Münchner Konferenz teil.

1939
Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs distanziert sich Haushofer zunehmend vom nationalsozialistischen Regime und nimmt Kontakt zum Widerstand auf, so zum Kreisauer Kreis, zur Gruppe um Carl Friedrich Goerdeler und zu Mitgliedern der Roten Kapelle.

1940
Er erhält eine Professur für politische Geographie und Geopolitik an der Berliner Universität.

1941
Haushofer wird wegen Beteiligung an den Vorbereitungen des Englandflugs von Heß für mehrere Wochen verhaftet und aus dem Auswärtigen Amt entlassen. Auch nach seiner Freilassung bleibt er weiter unter Aufsicht der Geheimen Staatspolizei (Gestapo).

1941-1943
Es erscheinen die Dramen "Die Makedonen" und "Chinesische Legende".

1944
7. Dezember: Haushofer wird im Zuge der Ermittlungen nach dem Attentat vom 20. Juli verhaftet. Er verfaßt im Gefängnis Lehrter Straße im Berliner Bezirk Moabit die "Moabiter Sonette". Die Sonette gelten als eindrucksvolles Zeugnis des Widerstands gegen das NS-Regime.

1945
23./24. April: In der Nacht wird Albrecht Haushofer ohne Prozeß mit sechs weiteren Häftlingen von einem Kommando der Schutzstaffel (SS) durch Genickschuß ermordet.
Auf dem Trümmergrundstück, auf dem er starb, fand ihn nach wenigen Wochen sein Bruder mit klein gefalteten Papierstücken eng beschrieben in der Hand: Die Moabiter Sonette.

1946Die "Moabiter Sonette" werden postum veröffentlicht.

Keine Antwort fand ich nach diesen Grundinformationen auf meine Frage, welche seelischen Vorgänge maßgebend gewesen sein mögen für den Schicksalslauf dieses Mannes Haushofer. Die heutigen Wissenschaften geben auf derlei Fragen keine Antwort, weil das Seelenleben grundsätzlich subjektiver und nicht objektiver Natur sei und weil sich insbesondere über Gefühlsinterpretationen streiten lasse. Bedenkt man jedoch, dass die Impulse des menschlichen Handelns zu einem großen Teil nicht von rationalen, sondern von gefühlstingierten seelischen Impulsen ausgehen, so erkennt man, wie weit unsere Wissenschaften im menschlichen Bereich oft noch an der Wirklichkeit unseres Daseins vorbeireden. Und so muss man sich denn als eher belächelter Sucher auf einen eigenen Weg des Suchens begeben:

Von jeher wird ein Prosatext bevorzugt, wenn Überlegungen, Gedanken, Erzählungen, Getzmäßigkeiten formuliert werden sollen. Es ist die alltägliche, realistische Ausdrucksart. Dichtung dagegen hebt ein wenig heraus aus dem Alltagbewusstsein, ist - wenn man so will - eine Vorform des Singens, drückt sehr viel mehr Stimmungsmäßiges aus, berührt stärker auch unbewusstes. Der Rythmus in der Poesie trägt darüber hinaus Stimmungen, beflügelt, rüttelt, rieselt, bedrückt, führt aus der kühlen, nüchternen Alltagsstimmung heraus. Sonette sind eine Poesieform. Haushofer hat sie im Gefängnis benutzt, um seine Lebenseinsichten zu artikulieren! Auf seine Weise hat er sie mit Leben erfüllt.

Und was bewirken sie heute bei den Menschen, die sie aufgeschlossen wahrnehmen? - Obwohl Albrecht Haushofer heute bereits Geschichte ist, so stärkt sein Vermächtnis dennoch weiterhin den Lebenswillen und das moralische Streben in manchem Leser.

 

geschrieben im Oktober 2006